F R A G I L E MUTMASSUNGEN

Wahrnehmung: Die diskussion um die unterschiedliche art und weise wahrzunehmen, für wahrzunehmen, beginnt nicht erst bei den verwirrspielen in Umberto Ecos Baudolino oder in seinem Foucaultsches Pendel.
Es ist auch keine entdeckung der psychologie. Vielmehr waren es die philosophen, die sich mit dieser frage aufs intensivste auseinandergesetzt haben. David Hume (frühes 19.jhdt)beispielsweise sieht jegliche wirklichkeit als ergebnis von sinneseindrücken und vorstellung. Alles für wahr genommene wird nach ihm sozusagen "hergestellt". – Diese fragen, was ist und was meinen wir, was sei, denen sind wir auch bis heute nicht auf den grund gekommen. Es bleibt immerhin das wissen um die vielfältigen weisen des sehens, hören, fühlens.

»Wir aber setzen das Echo der Seele
an die Stelle der folgerichtigen Sätzchen
an die Stelle der Anworten
auf keine Fragen.«

»Es geht dabei um Fragen der Distanz
Zwischen den einzelnen Stäben des Gitters
aber auch um den Willen
zum Kommen und Gehen. «

(fritz mühlemann, Rabenlieder, S. 104, 105,unveröffentlichtes manuskript)

»freiheit
ist nicht irgendeine abstrakte fähigkeit, über den menschen zu schweben: sie ist das absurdeste und unerbittlichste engagement.«

(Jean Paul Sarte, anmerkungen zum stück Die fliegen)

»Wo finden wir jene
die warten zwischen den Wörtern
und wo
die Worte.
Ich erwache und weiss
jetzt muss ich
schweigen lernen.«

(f.m.s.o.)

Vorbemerkung zu FRAGILE:
- Töne, geräusche, klänge, melodien erzeugen emotionale spannung im zusammenklang mit den bildern u bewegungen.
- »Fragile« - zerbrechlich, zart, hinfällig
- Leuchtquadrat: leer, nicht bild, auch sonst kein objekt. Unmöglich zu fokussieren, doch beim blinzeln und beim schielen bewegt und schillert es. Anfänglich ist dieses leucht quadrat das spiel mit der unfixierbarkeit, seiner geheimnisvollen oszillation.
Sobald die figur im licht dieses quadrats ist, entsteht ein bild, eine zauberhafte subtile malerei. Die farbgebungen und nuancen erinnern an die malerei ||||||
- Es entsteht keine geschichte. Ich bin als betrachter zurückgewiesen auf meine eigenen wahrnehmungsmöglichkeiten. Plötzlich ist es klar, plötzlich verstehe ich; dann wiederum kann ich nur schauen, staunen, aufnehmen. Nicht einbauen wollen in ein von mir fingiertes geschehen, das ich zu sehen, zu verstehen meine.

»Doch wie muss ich lesen lernen,
Soll ich lernen lesend nicht zu verstehen
Soll ich lernen in einem zug zu verschlingen
Soll ich lesen "Zur blauen Stunde bin ich" und verweilen zögern innehalten
Nachdenken, ohne zu wissen, was denn zu denken wäre?»
(Aus einem brief an f.m.)

Es gibt im französischen ein wort, das ich sehr gerne habe: »bouche bée«. Ein ausdruck von grosser bildhaftigkeit. In den augenblicken des »bouche-bée« sehe ich mich dastehen, staunend, den mund leicht offen, ein wenig dümmlich ausschauend. So ergeht es mir öfters in diesen momenten des staunens, das sich nicht an rationalen interpretationen festhalten will, augenblicke einer nahezu existentiellen ratlosigkeit. Augenblicke der weitgehenden loslösung vom wort, vom vertrauten.

»bouche bée«
Augenblicke eines metaphysischen schauders. Augenblicke einer ratlosigkeit, auch einer geistigen freiheit, das wagnis, nichts auf vertraute weise verstehen zu wollen.

Und doch
Und doch, das ist es ja: sehr wohl ist in »Fragile« vieles zu erfassen, berühren, begreifen, ertasten, ahnen, mutmassen. Nur bleibt es auf einer ebene, die den worten nicht leicht zugang erlaubt, ohne verzerrt zu sein.

Nur
»Fragile« ist ein stück zur zerbrechlichkeit, zur hinfälligkeit, verletzlichkeit, zum ausgeliefertsein von uns menschen. Ein stück zu unserer hilflosigkeit. Für mich als betrachter, als berührter, erregter, verwirrter fallen kartenhäuser durcheinander und mein ich-ballon schrumpft.

Nur
»Fragile« ist ein stück, vielleicht nicht allein als individuelle performance zu verstehen, nicht allein ein beitrag zu meinem dasein und meinen fragen als einzelner mensch. Möglicherweise bis gewiss ist »Fragile« auch ein beitrag, der uns auch in einem weitern sinn beschäftigen müsste. Ist am ende »Fragile« ein subtiles sozialpolitisches manifest? Weist »Fragile« etwa auch auf die zerbrechlichkeit unserer sozialen systeme hin?
Jemand hat irgendwann gesagt, sie (die andern?) wüssten nicht, was sie täten.- Welch ein satz. Als wäre es möglich, stets zu wissen, was wir tun. Irgendwo habe ich einmal geschrieben zu meiner arbeit, der künstler sei mehr medium als akteur. Das hiesse, dass auch eine tänzerin-künstlerin nur zu einem teil weiss, was sie tut, ein weitaus grösserer teil ist intuition. Da bleibt mir als betrachter doch wohl kaum etwas besseres, als auch ganz intuitiv zu erfassen-erleben, was sich da vor meinen augen in meinem gehör, in meinem geist, in meinem ganzen körper tut.

Und nun ein letzter satz
Auch wenn das, was ich erlebe in »Fragile«, keine geborgenheit erschafft, erschafft es eine ganz besondere art von kühler klarheit: mensch sein heisst fragil sein.

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