Hyperballad 2000

für Susann Däppen

Liebe & Dunkel
Hell & Hass  
Gestern gesehen
Gestern gehört
Gestern getragen
Lebensgewichte auf meinen Schultern
Staunen und Schrecken…  

… da warten Wörter Stellvertreter,
Lakaien In die Lücke zu treten Verwerfen!
Zu steif sind,
wollen repräsentieren
Machen nicht Bewegung…
Verweigerung der KlängeRufeGesänge
In Wörtern zu erstarren  

Die Richtigen tanzten mit
Die Richtigen klängen mit

 

Brief an Susanne Daeppen von Moritz Jeckelmann, Bern 14.Mai 2000

«Das Vorhandensein eines Echos ist das Hauptmerkmal jeder guten Akustik (…).»was ich am Donnerstag Abend gesehen habe, hat mich bis heute sprachlos gelassen. Nicht sprachlos, weil ich bloss dastehe mit offenem Mund und aus stummem Staunen nicht mehr komme.
Vielmehr verweigert sich den Wörtern, was ich in Hyperballad gesehen, gehört, erlebt habe. Ich habe deswegen versucht, dem im Gedicht "Hyperballad" eine erste Form zu geben.
Was sich den Wörtern jedoch nicht verweigert: Du bist eine zauberhafte verzaubernde Solistin. Jedesmal erschaffst Du auf die Stille nach dem Crescendo eine neue Welt. Eine Welt der Bewegung, der Rufe, Klänge, der Stille, der Nachdenklichkeit (nicht analysierend!).
Nachdem ich von Dir diesen ersten Pressetext (LINK) gelesen habe, bin ich in diese Premiere gekommen als jemand, der da ist und bereit ist, Poesie aufzunehmen.
Ich bin seit kurzem an einem Text über das Lesen von Gedichten. In diesem fordere ich auf zu hinwendendem Lesen, zu intuitivem Lesen, zum Geschehenlassen, zum Entstehenlassen von Assoziationen und Bildern. Gedichte sind Verdichtungen; aus eben dieser Dichte bilden sich Formen. Gedichte bewegen sich in einer Welt weit ab von der intellektuellen Analyse.
In einem hervorragenden Beitrag zur Poesie von Ossip Mandelstam schreibt Josef Brodsky (1): «Nichts ist absonderlicher, als ein analytisches Verfahren auf ein synthetisches Phänomen anzuwenden.» (…) «Dichtung ist höchste Leistung der gesamten Sprache, und sie zu analysieren heisst nur, den Brennpunkt diffus werden zu lassen.» (S.108) «Die Sprache ist es, die ein Gedicht diktiert, die Stimme der Sprache nämlich, der man die Namen Muse oder Inspiration angehängt hat.» (S.109)
Liebe Susann, auf einen ersten Blick mag es Dir seltsam vorkommen, dass ich Dir die ganze Zeit von Poesie und Gedicht spreche. Doch was ich dort sage ist bloss ein Versuch, Dir zu sagen, dass Hyperballad grosse Poesie ist. «Verdichtungen» nenne ich meine Gedichte. Ebensolche Verdichtung in Raum und Zeit von Kraft, von der Welt und ihren Leben ist Hyperballad ; Verdichtung und in neuem Leben in Bewegung bringen, zum Klängetönegeräuschen bringen.Ich (…) danke Dir herzlich für Hyperballad, wünsche Dir gute Echos und gute Wege. MJ
(1) Kind der Zivilisation. In O.M. Im Luftgrab, Zürich 1988, S.107 ff. / Bibliothek Unitobler Bern: Slav 340 Mand

MJ 11.-14.5.2000

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