Langsamkeit als Denkanstoss
Die Tanzperformance von Susanne Daeppen trägt den Namen „Hyperballad...a journey into the body“. Daeppen präsentiert die Lebenszyklen einer Frau in einer Rauminstallation, die für sich ein Kunstwerk darstellt.
REGINA PIAZZA, Bieler Tagblatt. Dezember 2000
Sanftes violettes Licht und tiefe gleichmässige Töne appellieren an unsere Urinstinkte. Unwillkürlich geht der Atem ruhiger, der Körper entspannt sich. Das „Bühnenbild“ kann ohne Ablenkung aufgenommen werden: Drei riesige Metallplatten bilden den Hintergrund. In strenger Abgrenzung - und farblich attraktiv kontrastierend – glitzert im Halbdunkel rote Flüssigkeit vor einer Rasenfläche. Susanne Daeppen liegt im Gras, verändert ihre Stellung um Haarbreite, nimmt endlich eine Fötus-Stellung ein. Die Töne, die zu hören sind, entsprechen den gurgelnden Lauten, die ein Kind im Mutterleib vernimmt, mit dem leisen Herzschlag als Rhythmus der Geborgenheit. Plötzlich vernichtet die Musik den Eindruck der Harmonie. Zunehmende Spannung und Beklemmung überträgt sich auf den Zuschauer. Mit einem gellenden Schrei wird das Kind geboren.
Kunst der Reduzierung zelebriert
Die Musik besteht in „Hyperballad“ aus Rhythmus, Stimme und Geräusch, der Tanz ist Bewegung in äusserster Langsamkeit. Selbst das faszinierende Spiel des Lichtes mit dem Schatten und die vollendet integrierten Farbakzente bleiben im Wesentlichen eine Aufhellung des allgegenwärtigen Dunkels. Die Kunst der Reduzierung wird hier gekonnt zelebriert, nichts scheint unnötig, nichts lenkt ab. Der Fantasie wird Raum gelassen.
Susanne Daeppen stellt die Lebenszyklen einer Frau dar, von der Geburt bis zum Tode. Wobei das Mitspiel von Olga Tschumi als alte Frau und des Mädchens Noemi Niederer die Zeit aufzuheben scheint. Anfang und Ende des weiblichen Lebens bestehen gleichzeitig neben der Frau in voller Kraft. Und obwohl die Bewegungen in Zeitlupe ausgeführt werden, läuft das Leben im Zeitraffer dahin. Grenzen und Begriffe wie jung und alt, Vergangenheit und Zukunft werden aufgehoben. Das lineare Denken, dem wir heutigen Menschen unterworfen sind, wird hinterfragt und anderen Möglichkeiten gegenübergestellt.
Jede Bewegung wird ausgekostet
Die Choreographie Susanne Daeppens ist eine Manifestation weiblichen Selbstbewusstseins. Sie vermittelt ein sehr intensives Körpergefühl. Das erste unsichere Suchen des Babys, die lebensfrohe Kraft der Frau, das Aufbäumen und Zusammenbrechen der Sterbenden werden auf eine Art vermittelt, die den eigenen Körper mitschwingen lässt. Kein Schritt wird einfach gegangen, kein Arm wird nur gehoben. Jede einzelne Bewegung scheint bis ins Innerste gefühlt, immer wieder entdeckt und ausgekostet zu werden. Ähnlich der fernöstlichen Gymnastik, die in der Langsamkeit der Bewegungsabläufe die Entspannung und Vollendung des Körperspiels sucht, strahlt auch Hyperballad magische Ruhe aus. Erstmals arbeitet die Künstlerin denn auch mit dem indonesischen Regisseur Boedi S. Otong zusammen.
Susanne Daeppens „Entdeckung der Langsamkeit“ führt uns die heute herrschende Hektik besonders vor Augen. Unsere Gesellschaft verherrlicht die Schnelligkeit. Gehetzte, nervöse Bewegungen und rasche, oberflächliche Aussagen gehören zum Alltag. Hyperballad demonstriert eindrücklich, dass Verlangsamung als mögliche Ausdrucksart unser Tun positiv beeinflussen, dass Ruhe, Überlegtheit und Tiefe an Stelle von Aggressivität treten könnte. So hilft uns die künstlerische Darstellung von Langsamkeit, unsere Lebensweise zu überdenken – wenn wir dazu bereit sind. > Übersicht
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