Ins Licht tanzen

Martina Köhler
Ins Licht tanzen
Frausein heisst für die Tänzerin Susanne Daeppen, ohne Filter oder angelernte Muster schöpferisch zu sein.
Darum tanzt sie Butoh, den Tanz der Wandlungen.

Als ich Susanne Daeppen begegne, habe ich noch keine Ahnung, was Butoh-Tanz ist. Das ändert sich schnell, nachdem ich mit der freischaffenden Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin ins Gespräch komme. Seit 15 Jahren tanzt und unterrichtet sie Butoh. Alles, was ich darüber erfahre, inspiriert mich; denn Butoh bietet die Möglichkeit, sich selbst und die Welt ganzheitlich wahrzunehmen.
Butoh ist der ewig ungeborene, formlose Tanz. Er wurde im Japan der sechziger Jahre von Hijikata Tatsumi und Ono Kazuo als Antwort auf das lineare, klassische Ballett und auf den amerikanischen Modern Dance entwickelt.
Ich treffe Susanne Daeppen im Tanzhaus in Zürich. Wenn wir über Butoh reden, reden wir über das Leben. Alles ist Butoh; es geht um den Tanz der Wandlungen, um Geburt und Tod, um die Schatten- und Lichtaspekte des menschlichen Daseins. Butoh wertet nicht. Je mehr ich über diesen Tanz erfahre, desto eher verstehe ich ihn als eine Lebenseinstellung, deren Merkmal die Fähigkeit zum Wandel ist. Für Ono Kazuo, den prägenden Butoh-Lehrer von Susanne, sind die Mutter, die Schöpfung und der Ursprung Themen seines Tanzes. Susanne ’haute es um’, als er in der ersten Unterrichtsstunde vom Universum in der Gebärmutter sprach.
Butoh wurde ursprünglich vor allem als tänzerische Möglichkeit benutzt, das Dunkle des Daseins auszudrücken. Die Schwere, die ihm dadurch zu eigen war, wandelte Ono Kazuo in einen poetischen Ausdruck, den Susanne auf ihre Weise weiterentwickelte. Vor Jahren bestärkte ein Butoh-Tänzer sie in diesem Prozess mit der Aufforderung: ’Lass den weiblichen Butoh entstehen!’ Das bedeutete nicht, die Dunkelheit zu meiden, sondern sie ins Licht zu tanzen und dabei leichter zu werden.
In diesem Sinn bezeichnet die 41-jährige ihre Produktionen ’Dakini-Dance-Projects’. In der tibetischen Mythologie bedeutet Dakini: Himmelstänzerin. Sie verbindet Himmel und Erde, indem sie die Menschen an den unerschöpflichen Bewusstseinsstrom erinnert, dessen Ausdruck sie sind. Die Dakini schubst dich vom Weg, wenn er zu einseitig oder bequem wird und alles perfekt zu laufen scheint. Sie sorgt dafür, dass du im Fluss bleibst und dich an nichts festhältst. Ebenso möchte Susanne ’den Tanz und seine endlose Vielfalt immer wieder neu erfinden und weiterentwickeln’.

Zeit für Frauen

Wir sitzen auf dem Boden des Tanzsaals. Wir sind allein. Niemand stört uns. Da Butoh sich mit dem ’Stirb und Werde’ des Lebens auseinander setzt, gibt es keine Tabus im tänzerischen Ausdruck. Von den Normen des Balletts her betrachtet, kann Butoh als unschön gelten. Susanne mag sich solchen Massstäben nicht mehr unterordnen. Schöpfung geschieht immer nur in wertfreien Räumen. Im Ballettbetrieb sind es meist männliche Choreografen, die bestimmen, wie eine Tänzerin zu sein hat. Ballett bedeutet aus Susannes Erfahrung, sich linearen Vorstellungen anzupassen und zu opfern, statt zu lernen, dem Inneren zu vertrauen: ’Es ist Zeit. Wir haben jetzt die Möglichkeit, uns selbst zu kreieren.’
Sie unterrichtet drei Tanzklassen mit Mädchen im Alter von vier bis zwölf Jahren. Susanne unterstützt die Mädchen im Vertrauen zu sich, zu ihren Ideen und ihrem Körper. Zu tanzen heisst für sie, nach innen zu beobachten; dem Universum Körper zu lauschen und dem Wesen und Ausdruck ihres Frauseins nachzuspüren.
In ihrer letzten Eigenproduktion ’Hyperballad’ tanzt sie eine sich erforschende, suchende Frau in der Mitte des Lebens, zwischen dem Kind, als werdendem Leben, und der im Alter weise gewordenen Frau. Die Zeichen von Vergangenheit und Zukunft vereinen sich in der Gegenwart der Suchenden. Werden und Vergehen symbolisieren einen Teil des Bühnenbilds als rote Flüssigkeit, als ’kreatives Blut’ des weiblichen Zyklus. Sinnbildlich bedeutet die Menstruation für Susanne ’immer auch die Übung einer Geburt, die ein unglaubliches Potenzial freisetzen kann’. Es ist ein Zusammenwirken der Kräfte. Himmel und Erde kommen im Uterus zusammen. Auch die Aufführung lebt durch die Verbindung verschiedener Ausdrucksmittel.
Selbst die Videoaufzeichnung von Hyperballad vermag mir die sinnliche Verknüpfung von Tanz, Stimme, Atem, Licht und Farben eindrücklich zu vermitteln. Ich sehe den Anfang des Videos gemeinsam mit dem Baby meiner Freundin, der sechsmonatigen Camille: Susanne Daeppen liegt in Fötusstellung im Gras. Die Töne, die aus dem Bauch der Tänzerin zu hören sind, versetzen die Kleine plötzlich in ungeheure Bewegung. Sie quietscht vor Freude und rudert mit Armen und Beinen, als ob sie sich erinnern würde. Erst nach dieser Sequenz beruhigt sie sich wieder.
Susannes Tanz drückt innerste Aufmerksamkeit aus. Ihre minimalistischen Bewegungen vollziehen sich im Zeitlupentempo. Langsamkeit ist für sie ein Mittel, um gegenwärtig zu sein und mit der Seele Kontakt aufzunehmen: ’So kannst du dich nicht mehr belügen.’ Damit intensiviert sich auch die Kommunikation mit dem Publikum: ’Du kannst immer bewusst aussenden und empfangen. Es entsteht etwas Gemeinsames, wovon auch der Zuschauer berührt wird. Hat die Vorstellung begonnen, ist es nach drei, vier Minuten unheimlich still im Saal. Von diesem Moment an, so weiss ich, gehen wir zusammen auf die Reise.’

Tanz die Ratlosigkeit!

Inzwischen sitzen wir im Restaurant. Nach zwei Stunden intensivem Gespräch haben wir Hunger. Frausein heisst für Susanne, ohne Filter, ohne angelernte Denkmuster schöpferisch zu sein. Das ist Butoh. Sie hat Vertrauen in diesen Tanz, weil er wie ein staunendes, unschuldiges Kind ihre inneren Bewegungen zulässt, auch ihre Verletzlichkeit. Mit dieser Art von Zärtlichkeit und Fragilität beginnt für Susanne Kommunikation. Patriarchale Mechanismen wie Konkurrenz und Ausgrenzung gibt es im Butoh-Tanz nicht. Butoh manipuliert nicht. Er integriert.
In ’Gedanken über meine Arbeit’ schreibt Ono Kazuo: ’Ohne den Gedanken ans Leben gibt es keinen Butoh. Doch wie fängt man damit an? Ich fühle mich oft ratlos. Man würde aber das Leben verleugnen, wenn man dieser Ratlosigkeit auswiche. Ich glaube nämlich fest daran, dass Butoh mit eben dieser Verlegenheit beginnt, in der sich das Gewicht des Lebens zeigt.’
Schaue ich mir Fotos von Ono Kazuo an, sehe ich ein androgynes Wesen. Er nahm sich die Freiheit, seine innere Frau zu erforschen, indem er Frauenfiguren tanzte. Es drängt sich die Frage auf, ob selbst im Körperausdruck Weibliches und Männliches ins Gleichgewicht kommen, wenn wir der inneren Vielfalt Raum geben? Offenbarung innerer Welten
Susanne Daeppen ist beharrlich und mutig genug, ihr Inneres, das Unbekannte, zu erforschen und an die Öffentlichkeit zu bringen. Aber es hat Jahre gedauert, bis ihre Produktionen breitere Anerkennung fanden. Auch Frauen wehrten sich anfänglich gegen die Offenbarung innerer Welten durch einen tänzerischen Ausdruck, dessen geistige Freiheit ihnen angesichts eines eingeschränkten Selbstbildes suspekt erschien. Heute erhält Susanne viel positive Resonanz. Frauen fühlen sich durch das Stück Hyperballad in ihrer Wahrnehmung und ihrem geistigen Prozess verstanden. Männer, die ihre Vorstellungen sehen, sind von der weiblichen Thematik berührt und fühlen sich in ihrer eigenen Kreativität, Verwundbarkeit und Zartheit angesprochen.
Der Respekt vor der Kraft des Frauseins ist für Susanne immer wieder Motivation dafür, auf die Bühne zu gehen und zu tanzen. Wir sprechen über das Eigene dieser Kraft, über die weibliche Fähigkeit, mit dem Fluss der Lebensenergie zu wachsen und sich zu verändern. Susanne lacht: ’Uns bleibt ja gar nichts anderes übrig.’ Leben Frauen diese Kraft zum Wandel, sind sie nicht mehr fassbar, in kein Schema einzuordnen.
Susanne Daeppen ruft den Kellner: ’Deshalb hat man ja auch Angst vor uns, wenn wir stark sind. Aber hör mal Frauen zu. Sie entschuldigen sich in jedem zweiten Satz für das, was sie können. Es ist traurig und wirklich an der Zeit, dass wir Verantwortung übernehmen und unsere Kraft manifestieren.’
Wir gehen zur Tramhaltestelle. Susanne Daeppens Butoh scheint mir wie eine Mutter zu sein, die Himmel und Erde verbindet; die den weiblichen und männlichen Bewusstseinsaspekten den Raum gibt, den sie brauchen, um ins Gleichgewicht zu kommen - innen und aussen.

Martina Köhler arbeitet als freischaffende Journalistin und Kommunikationsberaterin in Deutschland und Zürich.
e-mail: martina-koehler@bluewin.ch
> Übersicht